Ortspartei Baar

Thomas Inglin, CVP, Mitglied der Familienkommission und der Kulturkommission

 

 

Liebe Schweizerinnen, liebe Schweizer


Schon falsch, vielleicht sitzen ja auch ausländische Gäste unter Euch. So eine 1. August Rede zu halten, ist gar nicht so einfach. Ich fange nochmals an:


Liebe Miteidgenossen

 

Das geht auch nicht. Streng genommen kann man eigentlich nur denjenigen Eidgenossen sagen, deren Vorfahren am Rütlischwur beteiligt waren. Also Leuten aus den Kantonen Uri, Schwyz und Unterwalden. Zu dieser Zeit war die Schweiz noch übersichtlich. Man sprach die gleiche Sprache und stand zusammen, wenn Gefahr drohte. Wie vor 700 Jahr, als sich Österreicher aufgemacht haben, den undisziplinierten Schweizern eine Lektion zu erteilen. 1315, bei Morgarten haben sie aber ihr blaues Wunder erlebt ...Immer meine liebste Passage im Geschichtsunterricht in der Primarschule...wie die Steine und Baumstämme den Hang runter....Die Österreicher vernichtend geschlagen....sie haben die Rechnung ohne die wehrhaften und freiheitsliebenden Eidgenossen gemacht. Ich muss es wissen, bin quasi ein Insider, denn mein Heimatort ist Sattel und meine Vorfahren  dürften bei diesem denkwürdigen Anlass dabei gewesen sein. Wobei dieses österreichischen Heer vorwiegend aus Zugern, Aargauern und Zürchern bestanden hat, die dazumal noch keine Schweizer waren und auf der falschen Seite gestanden sind. Ich kann ihnen sagen, wenn wir schon damals die Masseneinwanderungsinitiative angenommen hätten, wären die Zuger nie Schweizer geworden, die hätten wir nie rein gelassen, diese gewalttätigen Österreicher.....Ich schweife ab....

 

 


Trotzdem, was ich eigentlich sagen wollte: Meine Mutter stammt aus Obwalden, mein Vater ist in Altdorf aufgewachsen und unser Heimatort liegt wie gesagt im Kanton Schwyz. Unsere Familie, das sind eben noch richtige Schweizer. Was sind eigentlich richtige Schweizer? Natürlich alle, die einen Schweizer Pass haben, werden sie sagen. Ist es so einfach? In meinem Bekanntenkreis gibt es eine Person, die seit Jahrzehnten in der Schweiz wohnt, eingebürgert wurde, aber immer
noch kein Wort Deutsch spricht, geschweige denn Französisch, Italienisch oder Rätoromanisch. Im Zivilschutz wurde er jeweils nach kurzer Zeit wieder nach Hause geschickt, weil er nichts verstanden hat. Er sprach nur Englisch. Ist das ein richtiger Schweizer? Vielleicht auf dem Papier.... Kann man demzufolge sagen, dass alle eingebürgerten Schweizer keine richtigen Schweizer sind? Nein das geht ja wohl wirklich nicht, denn dann wäre z.B. Christoph Blocher, dessen Vorfahren im
19.Jh. aus Deutschland eingewandert sind, kein richtiger Schweizer. Das kann ja wohl wirklich niemand ernsthaft behaupten. Dann müssen wir die Sache anders angehen: Schweizer zahlen pünktlich Steuern, haben es gern sauber, verhalten sich möglichst unauffällig, essen am liebsten Bratwurst und Rösti, benutzen gebührenpflichtige Abfallsäcke, halten sich ans Tempolimit auf der Autobahn, haben ihre Emotionen im Griff und sind friedfertig. Das geht auch nicht auf...viele Menschen verhalten sich oder sind so.....nicht nur Schweizer.


Vielleicht wird der Schweizer durch Charaktereigenschaften definiert: Pünktlich, zuverlässig, fleissig, pflichtbewusst, ausdauernd....Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht aber, wenn ich dabei an meine Kinder denke, bin ich nicht sicher, ob sie wirklich Schweizer sind...... Vielleicht ist das alles auch gar nicht so wichtig. Man sagt, wir seien eine Willensnation. Ich glaube, das stimmt. Wir haben aus eigenem Willen aus vier total unterschiedlichen Regionen mit vier verschiedenen Sprachen eine staatliche Gemeinschaft gebildet. Das ist eine grosse Leistung! Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass wir manchmal zu unserem Glück gezwungen werden mussten. Wer weiss, ob wir heute die föderale Struktur hätten, wenn sie Napoleon nach seinem Einmarsch in die Schweiz nicht neu geordnet und der Wiener Kongress 1815 sie bestätigt hätte ...nebenbei hat er auch noch die allgemeine Schulpflicht eingeführt...Willensnation heisst, dass wir bereit waren und bereit sind, Kompromisse einzugehen, uns an veränderte Umstände anpassen zu können, aber auch Minderheiten zu schützen, Rücksicht zu nehmen auf sozial Schwache.

 

Meiner Meinung nach ist man vor allem Schweizer, wenn man nicht nur einen entsprechenden Pass hat, sondern auch Schweizer sein will. Das heisst, sich für das Land und seine Bewohner zu interessieren, Verantwortung und Werte zu übernehmen, die in unserem Land wichtig sind.


Natürlich muss nicht jeder, der in der Schweiz arbeitet, auch Schweizer werden. Doch meiner Meinung nach sollte jeder, der für längere Zeit in der Schweiz lebt, ein Interesse daran haben, was um ihn herum geschieht. Damit dies gelingt, muss man aber die Sprach sprechen. Will man sich integrieren oder möchte man am sozialen Leben in seiner Umgebung teilnehmen, muss man sich verständigen können. Ich begegne in meinem beruflichen Umfeld in einem international tätigen Unternehmen immer wieder Menschen, die überhaupt kein Interesse daran haben, eine unserer Landesprachen zu lernen. Das sind aber keine Albaner oder Kosovaren, sondern vor allem Engländer und Amerikaner, die aber zum Teil schon seit Jahren, manchmal sogar seit Jahrzehnten in der Schweiz wohnen und trotzdem kaum ein Wort Deutsch verstehen. Das liegt einerseits daran, dass wir Einheimischen sehr schnell bereit sind, auf Englisch zu wechseln, wenn wir merken, dass das Gegenüber nur Englisch spricht. Es liegt aber auch am Desinteresse der Zugezogenen, die mit grösster Selbstverständlichkeit erwarten, dass sie alle Welt versteht. Aus falsch verstandener Rücksichtnahme werden mittlerweile offizielle Dokumente auch auf Englisch publiziert. Es gibt Kinderkrippen, Kindergärten und
Tagesschulen, die auf Englisch geführt werden und im Restaurant werden die Menukarten übersetzt. Sogar das traditionelle Zuger Neujahrsblatt enthält seit einigen Jahren englische Zusammenfassungen der Texte. Meine Beobachtung ist, dass diese Expats häufig unter ihresgleichen bleiben und den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung kaum suchen. Das führt zu einer Art Parallelgesellschaft, die unserem Land nicht gut tut. Meiner Meinung nach wird damit eine grosse Chance vertan. Die Italiener haben es vor 50 Jahren zwar ähnlich gemacht, doch wenigstens Pizza und Pasta hinterlassen.....und nicht nur Halloween...

 

Als ich Ernst Bürge gesagt habe, dass ich die 1. August Rede halte und wahrscheinlich die Jubiläen Morgarten und Wiener Kongress, vielleicht sogar Marignano erwähnen werde, antwortete er scherzhaft, dann dürfe ich auch das 70 Jahr Jubiläum der Fröschenzunft Ebel nicht vergessen, das wir genau heute feiern und das seiner Meinung nach die gleich hohe historische Bedeutung für unsere Gegend hat. Vielleicht stimmt das ja, denn genau um solche Initiativen geht es. Die Zunft wurde gegründet, um das lokal-kulturelle Leben in Inwil zu bereichern, sich für etwas, das auch der Allgemeinheit Freude macht, einzusetzen.

 

Und das ist einer der Erfolgsfaktoren der Schweiz: sich im Kleinen, in der Gemeinde, im Kanton zu engagieren; im Sport, in der Kultur, in der Kirche, in der Politik, wo auch immer. Seine Zeit und seine Fähigkeiten unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. In Baar funktioniert das noch relativ gut, aber wir müssen Sorge dazu tragen. Auch hier hört man vermehrt, dass sich kaum mehr Leute für einen Vereinsvorstand finden lassen, dass Parteien, freiwillige Feuerwehren, Kirchenchöre usw. Mühe haben, neue Mitglieder zu finden. Heute sucht sich jeder das ihm Passende aus. Man geht ins Fitness, statt in den Turnverein, singt Karaoke statt im Männerchor oder sitzt beim Dorffest lieber auf den Festbänken statt hinter dem Bratwurststand zu stehen. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Fähigkeit zu politischen Kompromissen. Extremen Lösungen stehen wir Schweizer eher skeptisch gegenüber. Unser Land bewegt sich dadurch zwar langsamer, aber die ausgehandelten Lösungen sind meist viel tragfähiger. Es geht nicht zuletzt darum, nicht immer seinen eigenen Vorteil im Auge zu haben, sondern Lösungen für die Mehrheit zu suchen. Auch die Folgen für andere zu sehen, solidarisch zu sein mit denen, denen es nicht so gut geht. Kaum einer ist freiwillig Sozialhilfeempfänger oder hat freiwillig sein Land und seine Familie verlassen. Dahinter stehen zum Teil furchtbare Schicksale. Diese Leute sollen bei uns spüren, dass sie nicht alleine gelassen werden. Das Ziel unserer Hilfe sollte sein, dass diese Menschen wieder ohne die Hilfe der Allgemeinheit leben können. Bis es aber so weit ist, sind sie auf unsere Unterstützung angewiesen. Was wir aber auf der anderen Seite erwarten dürfen, ist eine minimale Bereitschaft, sich zu integrieren.

 

Liebe Schweizer, liebe Eidgenossen, liebe Festteilnehmer

 

Schweizer sein heisst auch: Man ist sich der Tatsache bewusst, dass jeder und jede von uns seinen Teil dazu beitragen kann, wie dieses Land in Zukunft aussehen soll. Natürlich ist nicht jeder von uns National- oder Ständerat und manchmal machen die in Bern tatsächlich, was sie wollen; - aber das kennen wir ja auch vom Baarer Gemeinderat - doch alle haben die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen; das Leben in ihrer nächsten Umgebung zu gestalten, es farbig und vielfältig zu halten. Was wäre Baar ohne Fastnacht, ohne Dorffest, ohne Chilbi, ohne Konzerte der Chöre und Musikgruppen, ohne Fussballclub, ohne Rathusschüür, ohne die vielen Vereine, ohne Dorfläden, ohne Beizen..... Das alles ist keine Selbstverständlichkeit. Dahinter stehen Menschen, denen ein lebendiger Lebensraum wichtig ist. Jeder und jede von uns hat es ein Stück weit selbst in der Hand, wie sich unser Zusammenleben, unsere Gemeinde, unser Kanton, unser Land entwickelt. Bleiben sie oder werden sie aktiv. Nehmen sie ihre Rechte wahr, stimmen sie ab, gehen sie wählen, besuchen sie eine Gemeindeversammlung, engagieren sie sich in einem Verein, schreiben sie Leserbriefe, lernen sie ein Instrument und treten sie der Feldmusik bei, melden sie sich bei Tixi Taxi als Fahrer, ziehen sie an der Fastnacht verkleidet durch die Dorfstrasse, trinken sie Baarer Bier, machen sie ihr Weihnachtessen in der Neumühle, kaufen sie alle zwei Jahre ein Baarer Heimatbuch. Das alles trägt zu einer lebens- und liebenswerten Gemeinde bei.


Und zu guter Letzt: begegnen sie den Gemeinderäten, ja allen Politikern kritisch, aber mit Respekt. Auch wenn sie nicht immer gleicher Meinung sind wie sie, opfern sie doch viel Zeit für uns. Es sind manchmal ganz kleine Dinge, die eine Gemeinde, ein Kanton lebenswert machen. Es braucht nicht viel, nur ein wenig Engagement und das Bewusstsein für die Gemeinschaft, die nur dann funktioniert, wenn nicht jeder und jede nur an sich selber denkt.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

CVP Baar·Postfach 2123·6340 Baar